In der Tiefe

18.11.2017

Wer in einem unterirdischen Kerker gefangen ist, versucht alles, um zu entkommen, untersucht jeden möglichen Fluchtweg, sieht einen Hoffnungsschimmer in jeder Unregelmäßigkeit seiner düsteren Umgebung. So geht es dem Gefangenen bei Philippe Comte de Villiers de l'Isle Adam, in Grausame Geschichten, „Die Marter der Hoffnung“ (übersetzt von Maria Ewers):

 

Es war ihm nämlich plötzlich, als habe er den Schein der Laterne durch die Öffnung zwischen Mauer und Türe schimmern sehen. Ein matter krankhafter Hoffnungsgedanke tauchte in seinem entkräfteten Gehirn auf und erschütterte ihn. Er schleppte sich näher, um den Zustand der Türe zu prüfen. Er versuchte ganz leise und vorsichtig seinen Finger zwischen eine kleine Ritze zu schieben und sieh! es gelang ihm, die Türe vorsichtig nach innen zu ziehen. O Wunder! durch einen Zufall hatte der Begleiter des Inquisitors, der ihn eingeschlossen, den großen Schlüssel ein wenig zu früh umgedreht, das verrostete Schloß hatte nicht richtig gefaßt, es war zurückgesprungen und die Türe war tatsächlich unverschlossen geblieben. Der Rabbi wagte es, hinaus zu blicken. Es war hell genug, einen Halbkreis dunkler Mauern zu unterscheiden, in dem spiralförmige Stufen angebracht waren. Ihm gerade gegenüber führten fünf oder sechs steinerne Stufen in eine Art dunkler Halle, die in einen weiten Gang mündete, von dem man, von seinem Standpunkte aus, nur die ersten Bogen sehen konnte.Auf allen Vieren kroch er langsam bis auf die Schwelle. Es war ein Gang von endloser Länge. Ein blasses Licht, ein traumhaftes Halbdunkel herrschte darin; kleine Lampen, die von den Gewölben herabhingen, erhellten mit mattem, bläulichem Glanze die Luft. Der Gang verlor sich in tiefen Schatten, nirgends war eine Tür sichtbar. Nur an der linken Seite waren hie und da sogenannte Ochsenaugen, die stark vergittert waren in der Wand angebracht, durch die die Dämmerung hereinbrach. Es mußte wohl die Abenddämmerung sein, da zuweilen ein rötlicher Schimmer auf den Steinplatten spielte. Diese schreckliche Stille! Aber vielleicht war der Weg, der durch diese Finsternis führte, der Weg zur Freiheit!

Unsere Ausschreibung zur Anthologie "In der Tiefe" läuft noch bis zum 30.11.2017.

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